Nahrungsergänzung mit Vitamin D

In der letzten Zeit häufen sich Beiträge der „Mainstream-Medien“ – allen voran die Stiftung Warentest – gegen Nahrungsergänzungen mit Vitamin D. Diese seien unnötig, viel zu hoch – und deshalb gefährlich. Ein Blutwert von 20ng/ml wäre völlig ausreichend – und dafür bräuchte man nur 800 IE täglich (und die bräuchte man eigentlich auch nicht, wenn man regelmäßig ins Freie ginge… heißt es da…).

Was ist davon zu halten?

Dieser Wert beruht auf einer uralten Empfehlung der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) – und die wiederum auf einem statistischen Fehler. Erinnern Sie sich noch an den angeblich so „gesunden Spinat“? Auch diese Empfehlung beruhte auf einem Rechenfehler (man hatte den Eisengehalt bei getrocknetem Spinat gemessen, der natürlich viel weniger wiegt, als frischer. Man hätte Spinat kiloweise essen müssen, um die „gesunden Eisenwerte“ zu erreichen… Aber, die Empfehlung stand in allen Ratgebern und auch der medizinischen Fachliteratur über Jahrzehnte, bis es jemand dann einmal nachgemessen hat.

Das hier ist so etwas Ähnliches, wie ich gleich belegen werde. Tatsächlich ist der Wert von 20ng/ml gerade einmal ausreichend, um Rachitis (eine Knochenbildungsstörung, vor allem bei Kindern) zu verhindern. Nicht einmal als Prävention gegen Osteoporose reicht der Wert aus.

Aber wie kam es dazu?

Im Folgenden fasse ich einen Artikel der Fachzeitschrift „Nutrients“ vom 20. Oktober 2014 zusammen. Das Original ist über die Quellenangabe nachzulesen (aber in englischer Sprache).

Der Artikel „Ein statistischer Fehler bei der Schätzung der empfohlenen Tageszufuhr von Vitamin D“ zeigt, dass die derzeitige Empfohlene Tageszufuhr (RDA) von 600 IU Vitamin D täglich (Anmerkung: Das ist die offizielle Empfehlung in Kanada) auf einer fehlerhaften statistischen Interpretation beruht. Die ursprüngliche Berechnung des Institute of Medicine ging davon aus, dass 97,5 % aller Personen mit dieser Dosis Serum-25(OH)D-Werte ≥ 50 nmol/L (= 20ng/ml) erreichen würden. Eine korrekte statistische Analyse der Daten aus den zugrunde liegenden Studien legt jedoch nahe, dass viele Menschen selbst mit 600 IU nicht diesen Wert erreichen und dass deutlich höhere Dosen nötig wären, um dies für 97,5 % der Individuen zu gewährleisten. Die Autoren fordern daher eine Neubewertung der RDA, da sie andernfalls nicht die gesundheitlichen Ziele erfüllt.

PMC https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4210929/

Quellenangabe: Veugelers PJ, Ekwaru JP. A Statistical Error in the Estimation of the Recommended Dietary Allowance for Vitamin D. Nutrients. 2014;6(10):4472–4475. PMCID: PMC4210929.

PMC https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4210929/

Anmerkungen

50nmol/l entsprechen 20ng/ml (eine andere Einheit). Im Originalartikel wird unter anderem darauf hingewiesen, dass es keine exakten Dosierungs-Richtwerte gibt. Rein statistisch (rechnerisch!) würden manche Menschen bis zu 8.900 IE/Tag brauchen, um auch nur über die 50nmol/l zu kommen. ABER, auch das ist kein Richtwert, weil die notwendige Dosierung von Mensch zu Mensch stark schwankt, weshalb ich grundsätzlich eine Laboranalyse (Blutprobe) empfehle, um die eigene „richtige“ Dosis zu ermitteln. Unkritische Hochdosisempfehlungen (ohne individuelle Laboranalyse) sind nicht sinnvoll. Als sichere Dosis gelten i Allgemeinen bis zu 4.000 IE/Tag (ohne vorher nachgewiesenen Mangel). Alter, Hautfarbe, Gewicht (Fett „verdünnt“ Vitamin D) beeinflussen die individuell sinnvolle Dosis.

Tatsächlich ist auch umstritten, ob die 50nmol/l (= 20ng/ml) überhaupt ein ausreichender Zielwert sind. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die günstigen Effekte des Vitamin D3 auf Diabetes-Vorbeugung, Demenz, Immunsystem usw. erst mit einem Spiegel von über 60ng/ml erreicht werden, also dem dreifachen des offiziellen Zielwertes, da sich dieser nur auf die Knochengesundheit bezieht.

Leider zeigt sich auch hier, dass saubere Recherche für viele Journalisten inzwischen anscheinend entbehrlicher Luxus ist. Das gilt auch für die Stiftung Warentest, die einfach die offiziellen Empfehlungen abschreibt – und das als Stand der Wissenschaft verkauft (siehe den „gesunden Spinat“). Immerhin ist der Artikel in der angesehenen Fachzeitschrift „Nutrients“ von 2014 und eine einfache Internetrecherche in PubMed (internationale medizinische Datenbank) hätte genügt, um ihn zu finden. Außerdem ist der statistische Fehler in der Fachwelt bekannt, scheint sich aber in der Bürokratie der DGE noch nicht durchgearbeitet haben. Könnte es vielleicht etwas damit zu tun haben, dass hinter der DGE auch das „Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat“ steht – und die Politik dem Bürger immer vor allem eine Botschaft sendet: „Es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen, wir haben alles im Griff, wir sorgen für dich…“? Aber das ist natürlich nur eine „Verschwörungstheorie“, die ich keinesfalls unterstütze.

Nahrungsergänzung mit Vitamin D